Gabriele von Arnim, Fotografin Paulina Hildesheim
Die Autorin und Journalistin Gabriele von Arnim hält die Erika Mann Lecture Series 2026
Gabriele von Arnim wurde 1946 in Hamburg geboren und lebt heute in Berlin. Sie hat studiert, promoviert und zehn Jahre als freie Journalistin in New York gelebt, schrieb später für Publikationen wie „Die Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“ und moderierte Fernseh – und Radiosendungen. Zu ihren zahlreichen Werken gehören etwa „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“, „Der Trost der Schönheit“ und „Liebe Enkel oder die Kunst der Zuversicht“.
Am 17. April erscheint ihr neues Buch „Abschied leben – Tagebuch eines Zeitgefühls“, in dem Gabriele von Arnim ein Jahr lang über Abschiede, Gegenwartsängste und das Ringen um Zukunftszuversicht erzählt.
response-ability
oder
Die Kunst der Verantwortung
Erika Mann Lecture,
Ludwig-Maximilians-Universität,
27. Juni 2026
„Der Barbar wartet, und wir werden stetig schwächer in der Sicherheit unserer Vergnügungen und unserer Bequemlichkeit.“ Das lässt der amerikanische Autor John Williams in seinem Roman „Augustus“ den Kaiser sagen, der von 31 vor Christus bis 14 nach Christus regierte. „Der Barbar wartet, und wir werden stetig schwächer in der Sicherheit unserer Vergnügungen und Bequemlichkeit.“
Williams hätte diese Zeilen auch für uns im Heute schreiben können. Denn es ist wieder einmal an der Zeit, uns zu erheben aus unserer Couch namens Bequemlichkeit, uns zu befreien aus den verlockenden Armen des flauen Vergnügens und in die Welt hineinzuhören, Entwicklungen wahr- und Forderungen anzunehmen, die die Zeit an uns stellt.
Uns für das Leben in Freiheit zu entscheiden und nicht für den Käfig der Autokratie. Es ist nicht die Zeit, es ist wohl nie die Zeit, für „wohlige Verantwortungslosigkeit“, wie Camus es so treffend nannte. Man kann nicht länger als Demokratiedöser durch die Tage schlurfen, sondern muss sich als partizipatorischer Bürger einbringen ins Geschehen.
Muss? Du musst nur sterben, pflegte mein Mann zu sagen, und ich bin vorsichtig geworden mit dem Wort. Aber hier?
Wir müssen nicht, wir wollen, sagt ein Freund. Es liege doch in unserem ureigensten Interesse, als Bürger sich einzumischen. Das ist hehr gedacht. Aber handeln wir auch hehr? Begreifen wir uns als Wächter der Demokratie und zeigen engagiert:
Repression gebiert Widerspenstigkeit, kulturelle Einengung schürt Widerspruch, Beschränkung von Meinungsfreiheit rüttelt auf zur Einübung in Zivilcourage. Oder geniessen wir nur unsere Rechte und vernachlässigen unsere Pflichten, unsere Selbstverantwortung?
Verantwortung nämlich kostet Nerven und Kraft, kostet Mühe und Bemühen und setzt voraus, zu verstehen und zu fühlen, dass alles, was in der Welt passiert, mit uns zu tun hat, dass wir hier mitverantwortlich sind für das, was dort geschieht. Denn allein, dass wir sind, dass wir atmen, leben, lieben, denken, wollen, verändert die Welt.
Navid Kermani schreibt: „…schon wenn du einatmest, bist du verbunden mit der ganzen Welt. Jedes Mal, wenn du ausatmest, nimmt die Welt Anteil an dir.“
Wir sind also da – aber wer wir sind und wie wir sind, das können wir selbst bestimmen, können entscheiden, was wir wahrnehmen, erkennen, wissen, lernen, begreifen.
Es ist wahrlich nicht leicht, sich zu orientieren in dieser Zeit des Wahnsinns wobei ich immer noch nicht weiss, welcher Sinn denn nun im Wahn liegt. Aber vielleicht ist es der, endlich zu erkennen, wie ernst es um uns steht, wie dringlich es ist, zu sein, wer wir sein könnten, um couragiert den Aufbruch in Abschiede von Gewissheiten anzugehen und daran zu glauben, dass nach jedem Ende ein Anfang kommt. Nach der Angst vor dem Vergehen alter Ordnungen die Lust auf die Freiheit der Ungewissheit, in der Hoffnungsmut gedeihen kann und Zukunftsfantasien locken. Wenn wir denn dem Wollen ein Tun folgen lassen.
Wie Erika Mann es tat. Diese so charmante wie sperrige, kluge, witzige, vielgestaltige, eigen-willige, kämpferische und dann doch auch zerbrechende Figur in dieser so komplizierten Familie, in einer so unheilvollen Zeit. Früh hat Erika Mann Gefahren erkannt und benannt. Schon Ende August 1933 schrieb sie:
„Ich wäre so eine gute Kraft für große Machenschaften, man müßte mich nur anstellen dafür, und mir scheint, wir müssen uns alle ganz der Politik weihen.“
Worte einer Frau, die sich zunächst nicht für Politik interessiert hatte, die Schauspielerin war, Rallyefahrerin, bevor sie eine scharfzüngige Kabarettistin wurde, Schriftstellerin, Kriegsberichterstatterin, Rednerin und vieles mehr. Die so eloquent und beharrlich warnte vor dem Verlust der Menschenrechte, der Moral, der Demokratie in diesem Deutschland des – Anstand und Freiheit verschlingenden Nationalsozialismus.
„Ich war der irrigen Auffassung“, schrieb sie Ende der 30iger Jahre, „dass Politik Sache der Politiker wäre und dass ich mich in fremder Leute Angelegenheiten nicht mischen sollte. So haben viele bei uns gedacht und so kam Hitler zur Macht.“ (escape to life S.16)
Mischen wir uns also ein.
Nehmen wir Erika Manns Warnung vor der Verantwortungslosigkeit ernst. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihrem konsequenten Weg vom unpolitischen Sein zur politischen Aktivistin, versuchen wir mit Verve die schon erwähnten Demokratiedöser aufzustören – denn noch sind sie die Mehrheit.
Wie oft sitzt man zusammen mit politisch besorgten Menschen und hört sie sagen, und sagt es womöglich selbst:
ich kann ja doch nichts tun.
Man wisse nicht, wo man anfangen könne, obgleich man so gern anfangen würde.
Aber stimmt das? Oder machen wir es uns – sanft ächzend – in unserer Ratlosigkeit allzu bequem. Scheuen die Belastung des Engagements. Sind auch anmaßend. Wenn wir nicht gleich die Welt verändern können, kümmert uns nicht der kleine einzelne Schritt, sehen wir nicht, dass jeder Schritt von jedem Menschen zählt, denn wenn wir alle Wege suchen, trampeln wir gemeinsam Pfade ins verschlungene Dickicht des Lebens und der Gesellschaft.
Etwas tun zu wollen heisst,
sich einer präzisen Lebensbesichtigung seiner Möglichkeiten zu stellen, die eigene Unabhängigkeit, ein selbständiges Denken und ein freies Fühlen in sich zu finden.
Und es sage keiner, er habe nichts zu bieten, jeder kann sich Freunden und Hausbewohnern zuwenden, kann mit anderen zusammen Müll aufsammeln im Park, kann der kranken Nachbarin Medikamente aus der Apotheke holen, kann – den anderen wahrnehmend – präsent sein, kann zuhören, auch und gerade anderen Meinungen, kann auf die Strasse gehen und mit anderen plaudern oder auf die Strasse gehen und mit anderen protestieren.
Demokratie ist nicht nur Meinungsfreiheit, Rechtsstaat und Vielfalt. Demokratie heisst auch Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Zuwendung.
We can contribute, every one of us, sagt die Rocksängerin und Aktivistin Patti Smith
Indem wir aufmerksam sind, by being aware, by being good people und fährt fort:
Radiating good is it‘s own action.
Schon das eigene gute Tun strahle aus in die Welt.
Das klingt nach kleiner Münze. Klingt bescheiden. Wo wir doch die Welt verändern wollen.
Aber die Welt ist eben dort, wo wir sind.
Wir sind die Welt.
Jeder und jede von uns.
Jeder große Strom hat eine kleine Quelle.
Und jeder einzelne lebendige Mensch ist eine Quelle der Möglichkeiten, der Hoffnung.
It’s hard to hope hat Barack Obama beim Trauergottesdienst für Reverend Jesse Jackson gesagt:
In times like these it’s hard to hope.
Und wir kennen doch alle dieses lauernde Gefühl der Hoffnungslosigkeit, kennen Menschen, die das Sein kaum aushalten können in diesen Zeiten des Verlusts, der Rückschritte, der Abschiede von Demokratie- und Friedensgewissheit, der Enttäuschungen, der Gewalt, der obszönen Macht von Techmilliardären, der Kriege und klimatischen Katastrophen, der misogynen und fremdenfeindlichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Menschen, die resignieren, sich verabschieden davon, zuständig zu sein für den Zustand der Welt, und dabei verdrängen, dass es doch ihre Welt ist.
Andere gehen jenen auf den Leim, die einfache Antworten geben, die uns mit langen Hexenfingern in ihr scheinbar krisensicheres Haus der Gewissheit locken – Hänsel ist schon drin und viele andere auch. Spazierten hinein und kommen nicht wieder raus, weil sie zu spät begreifen: sie werden gemästet, um gebraten zu werden.
Aber zu hoffen, so fuhr Obama fort in seiner Rede – sei heute unsere Aufgabe, wir alle müssten Botschafter der Hoffnung sein, messengers of hope.
Selbst wenn vielleicht erst einmal ohne spürbaren Erfolg – so gebe es doch unserem Leben eine Richtung, einen Sinn – a purpose.
Als hier in München vor kurzem der Grüne Dominik Krause zum Oberbürgermeister gewählt wurde, hiess es die Leute hätten einfach mal Lust gehabt auf eine positive Geschichte. Keine Ahnung, ob Dominik Krause eine positive Geschichte ist, aber dass wir Aufbruchgeschichten brauchen, spüren wir überall.
Kennen Sie Tulln? Tulln, die österreichische Gartenstadt an der Donau, die sich „Die Stadt des Miteinanders“ nennt und deren Bürgermeister sagt, es sei die ureigenste Aufgabe der Politik das Miteinander zu fördern. Zusammenhalt mache eine Gemeinschaft stark und gesund und helfe auch der wirtschaftlichen Prosperität.
Sich als Stadt so einen Namen zu geben und Politik so zu definieren, veränderte offenbar das Verhalten der Bürger. Die mittun wollen beim Miteinander, sich verantwortlich fühlen für ihre Stadt.
Es ist das Tun.
Der syrische Anwalt Anwar al Bunni, nach Gefängnis und Folter geflüchtet aus seinem Land, hat viele Jahre lang in Europa ein großes Netzwerk von Anwälten und Rechercheuren aufgebaut, um die Verbrechen der Folterer in Syrien zu dokumentieren. Bei den Prozessen, die nach dem Weltrechtsprinzip auch bei uns schon geführt wurden, in Frankfurt und in Koblenz, hat al Bunni aus seinem umfangreichen Archiv entscheidende Informationen geben können. Dieser Mann hat Hoffnung und Verantwortung für mich auf den Punkt gebracht, als er sagte:
„Ich hoffe nicht auf eine bessere Zukunft.
Ich tue alles, damit es eine bessere Zukunft geben kann.“
Er hat nicht gehofft, er hat gehandelt. Und war immer zuversichtlich, dass das, was er tat, ein sinnvolles Zukunftstun sei.
Das Prinzip Zuversicht scheint mir ohnehin verlässlicher zu sein als die so oft mit uns tändelnde Hoffnung.
Ernst Bloch schrieb selbst:
„Es liegt im Wesen der Hoffnung, dass sie enttäuscht werden kann, sonst wäre sie ja Zuversicht.“
Zuversicht ist ein innerer Kompass, eine Kraftquelle, ein Antrieb, führt hinein ins Tun. Die Kunst der Zuversicht übe ich täglich.
Auch die Demokratie braucht Zuversicht. Braucht Bürger, die Freiheit wertschätzen und Rechtssicherheit, das Glück kultureller und sexueller Selbstbestimmung, der Vielfalt und der Gleichberechtigung.
Auch Demokratie gilt es zu üben.
Fotograf Gandalf Hammerbacher
„Die Demokratie“, schrieb Heinrich Mann 1932, „ist eine Schule mit…, so vielen Prüfungen, wie das Leben selbst … und innerhalb des einzelnen Volkes sind immer eine gewisse Anzahl Schüler ausgesprochen schlecht und möchten gleich die Schule in Brand stecken … so ist es heute in Deutschland. Sie möchten brandstiften, … Aber die vernünftigen und brauchbaren Lebensschüler … werden dafür sorgen, dass uns das Schlimmste erspart bleibt.“
1932 schrieb Heinrich Mann diese Zeilen. Ein Jahr später wurde das erste Konzentrationslager in Deutschland errichtet. In Dachau.
2026 ist nicht 1932.
Aber die Zeiten sind gefährlich, und ich staune immer wieder ob der Realitätsflüchtlinge, die mir immer noch sagen – es geht dir doch gut, warum regst du dich auf.
Menschen, die nicht begreifen, dass wir alle zusammen unsere Gesellschaft bilden, alle zusammen das Leben sind in einem freien Land. Menschen, die zu furchtsam sind, hinzuschauen auf die Krisen der Gegenwart die immer noch denken Demokratie sei ein Zustand, in dem man sich nur um sich kümmern könne, während Demokratie tatsächlich aber ein Prozess ist, in dem man sich umeinander kümmern sollte.
Demokratie ist kein „mir geht es gut, was schert mich die Welt“, sondern ein „wie geht es uns.“
Wir haben eine Welt – und wir sind die Welt
Wir haben eine Demokratie und wir sind die Demokratie.
Oder, um noch einmal Camus zu zitieren: „Die Wirklichkeit der Welt ist unsere gemeinsame Heimat.“
Als Tsitsi Dangarembga, Filmemacherin und Schriftstellerin aus Simbabwe, 2021 in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, sprach sie in ihrer Dankesrede auch über den Weg vom Ich zum Wir und sagte:
„In meinem Teil der Welt war der Kern unserer Lebensphilosophie die Idee „Ich bin, weil du bist.”
Diese Philosophie, so fuhr sie fort, werde noch immer in Begrüßungen ausgedrückt wie
„Mir geht es gut, wenn es dir gut geht.“
Und dieser Satz gilt für jeden, nicht nur die eigenen Liebsten, nicht nur für die, denen man zugetan ist, er gilt für die Gesellschaft, gilt für Mensch und Tier und Baum. Wir gehören alle zusammen, wir existieren, gedeihen und verlöschen gemeinsam.
Die albanische Philosophin Lea Ypi sagt, sie könne sich nur in einer Gesellschaft wirklich frei fühlen, in der alle frei seien.
Neu ist das Wissen nicht um das gemeinsame Wohl, ein Gemeinwohl – aber es wird immer wieder vergessen.
Als Hannah Arendt am 28. September 1959 in Hamburg ihre Dankesrede hielt für den Lessing Preis, mit dem schönen Titel „Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten“, zitierte die Philosophin Aristoteles, für den nämlich, so sagte sie, „die Freundschaft zwischen den Bürgern eines der Grunderfordernisse des gesunden Gemeinwesens“ gewesen sei. Erst das „dauernde Miteinander-Sprechen“ vereinige die Bürger zu einer polis.
Wie passend, dass Ministerin Prien neulich erklärt hat:
„Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel.“
Dabei wäre doch gerade das diverse Wir eines der vorrangigsten Ziele für die Demokratie eines Einwanderungslandes. Denn wir sind – wie gesagt – nur Mensch mit anderen Menschen. Werden, wer wir sind, weil wir in Beziehung zueinander leben, weil wir üben, den Menschen als Menschen, als Nächsten zu lieben.
„The only thing more powerful than hate is love“ prangte auf einem riesigen billboard bei der grandiosen Show von Bad Bunny beim Superbowl, in der er das Miteinander leidenschaftlich gefeiert hat. Wenn Sie den Mut haben, Liebe zu denken, Liebe als politische Haltung zu denken, lesen Sie Daniel Schreiber, der genau dazu ein kluges Buch geschrieben hat.
Ja, im Moment tut es weh, genau wahrzunehmen, was wo geschieht, wie es wem wo geht. Im Moment wollen wir uns am liebsten einkapseln – je grausamer die Welt wird, desto weniger wollen wir hinschauen, wollen uns schützen vor dem Entsetzen.
Eine kurzfristig verständliche Entscheidung und langfristig für jeden von uns ungustiös. Denn wie hat es der Psychoanalytiker Arno Gruen gesagt:
Wer Schmerz nicht fühlen will, kann auch wahre Freude nicht empfinden.
In anderen Worten: Wir bleiben durchlässig oder verstumpfen in jede Richtung.
Erika Mann hat die Kälte der Gleichgültigkeit «dies kühlste aller Ruhekissen“ genannt, das sehr gefragt und allgemein beliebt sei.
Sie könnte diese Zeilen auch heute singen.
Gleichgültigkeit mag verlockend sein, als Fluchtweg aus dem Weltenschmerz – aber wenn wir wegschauen, überlassen wir leichtfertig denen das Feld, die die Welt vergiften, statt dass wir selber Mixturen brauen aus Hoffnung und Wohlwollen.
Übrigens ist Wohlwollen nicht nur ein schönes Wort, es ist auch ein schönes Gefühl. Dem anderen und sich wohl zu wollen. Viele merken, wenn sie anderen Gutes tun, geht es ihnen selber besser. Nicht nur die Wissenschaft, auch der eigene Menschenverstand bestätigt das. Und immer wieder leben wir das Gegenteil – fördern wir Selbstsucht, feiern die skrupellosen Gewinner, finden Freundlichkeit was für Weicheier. Denn Zuwendung, Fürsorge und Aufmerksamkeit gelten gemäss dem Credo der kapitalistischen JetztZeit als Tugend der Versager. Einfühlung schwächt, und so bleibt als Tropf auf der Strecke, wer sich nicht der Selbstsucht verschreibt.
Darauf kommen wir noch mal.
Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil. Wenn wir anfangen, uns verantwortlich zu fühlen für die Welt um uns herum und uns darin, wenn wir anfangen zu handeln, geht es uns besser.
Viele stöhnen auf, wenn sie das Wort Verantwortung hören, winken ab, denken, wie Erika Mann es schrieb, Politik sei Sache der Politiker, sie hören Last und Pflicht, hören auferlegte Bürde, die sie zum ohnehin schon bedrängenden Alltag voller Aufgaben und Verpflichtungen nicht auch noch auf sich laden möchten.
Ich kann das gut verstehen. Nachdem ich zehn Jahre lang meinen sehr kranken Mann gepflegt hatte, der zwar hellwach war im Kopf aber nicht so sprechen konnte, dass andere ihn verstanden, der nicht schreiben, nicht gehen und nicht lesen konnte, stellte sich nach seinem Tod alles in mir auf Abwehr, wenn ich irgendwo für irgend jemanden Verantwortung übernehmen sollte. Das hatte ich nun so viele Jahre lang in extenso getan – bis ins kleinste Detail bis in die größten Fragen über Leben und Tod. Ich bestand darauf, unbehelligt zu bleiben, nicht antworten zu müssen auf Fragen des Miteinanders, des demokratischen Zusammenlebens.
In dem Wort Verantwortung steckt Antwort, Verantwortung ist also die Erwiderung auf eine Frage.
Nehmen wir einmal das englische Wort responsibility und nehmen es auseinander – Response-ability heisst, die Fähigkeit zu haben zu antworten auf Fragen, die man hört und wirken lässt auf sich. Es geht also auch um die eigene Empfindsamkeit, die Courage, die Fragen zu hören, die die Zeit, unser Gewissen, die Gesellschaft uns stellen.
Im Englischen unterscheidet man zwischen react and respond. Wenn ich reagiere, lasse ich mich triggern und lege los, wenn ich antworte, habe ich hingedacht und hingefühlt, abgewogen und eingeordnet. Ausgesucht hat man sich die Situation meist nicht, in der man ist. Kann sie nicht kontrollieren. Kontrollieren kann man allein seine Entgegnung, seine Einwilligung oder Abwehr, seine Antwort.
Wenn das Schicksal – wer immer dieses ominöse NichtWesen sein mag – wenn das Schicksal mit Blitzkrach und Donnergetöse über uns herfällt, wenn dieses Monster brüllt, das den freien Willen in uns demütigen, vielleicht sogar auslöschen will, könnten, können wir immer noch auf unsere Weise antworten. Und genau in dem Moment, der scheinbar aussichtslos ist, werden wir aufgefordert zur response-ability, den Raum des Entweder-Oder zu begreifen, in dem wir entscheiden, wer wir sind. In diesem Raum wohnt die Möglichkeit selber zu denken, abzuwägen, wahrzunehmen, hier wartet unsere Selbstbestimmung.
Ausgerechnet ein Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz lehrt uns, was response-ability ist, „unsere Macht, unsere Antwort zu wählen“, wie er schreibt.
Viktor Frankl, Sie erinnern sich, österreichischer Neurologe und Psychiater, Begründer der sogenannten Logotherapie und Existenzanalyse, hat response-ability zur existentiellen Lebenswirksamkeit erklärt. In seinem wohl berühmtesten Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“, das übrigens schon 1946 erschienen ist, schreibt er: ( S.117)
„Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet … Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten die rechte Antwort geben. Leben heisst letztlich eben nichts anderes als Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“
Das ist seine Lektion aus Auschwitz. Nicht mit dem Leben hadern, wenn es uns belagert und quält, sondern dem Leben antworten, eine eigene Haltung finden – auch angesichts von Gefahr und größter Not. Verantwortung für sich zu übernehmen.
Heute lebt die belarussische Künstlerin Maryja Kaleshnikava diese Botschaft. Von September 2020 bis Dezember 2025, also mehr als fünf Jahre, war sie in Haft, teilweise in Einzelhaft und schreibt: „Wahre Freiheit beginnt dort, wo es gelingt, das Böse im eigenen Inneren nicht wachsen zu lassen. … Weder Gefängnisse noch Ketten können den Geist der Freiheit aufhalten. … Freiheit beginnt dort, wo wir uns entscheiden, Mensch zu bleiben.“
Response-ability in lebensbedrohender Lage. Was für ein Anspruch, was für eine Größe, wenn das gelingt. Ich lese Sätze wie die von Frankl oder Kaleshnikava mit Staunen, nein mit Ehrfurcht. Und mit Dankbarkeit, nie in solcher Weise geprüft und getestet worden zu sein.
Viktor Frankl, 1905 in Wien geboren 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert.
Seine Eltern und seine Frau wurden ermordet.
Erika Mann, 1905 in München geboren. 1935 ausgebürgert und 1937 in die Vereinigten Staaten emigriert. Gekannt haben sie sich wohl nicht.
Aber Erika Mann hat gelebt, was Frankl beschreibt, hat sich – wie gesagt – als Schauspielerin, Abenteurerin, Schreiberin immer mehr aufgerufen gefühlt, sich einzumischen in gesellschaftliche Belange, hat immer mehr Stellung bezogen, um zu bekämpfen, was sie politisch entsetzte. Hat ihren Beruf als Schauspielerin mehr oder weniger aufgegeben und politisches Kabarett gemacht, hat ihr Land verloren und für lange Zeit auch ihre Sprache, hat im amerikanischen Exil ihre response-ability mit Leidenschaft wahrgenommen. Sie hat Geschichten der Entrechtung recherchiert und geschrieben. „Wenn die Lichter ausgehen“ heisst eines ihrer Bücher – ein so sprechender Titel, der uns unvermittelt spüren lässt die Dunkelheit eines faschistischen Regimes. Sie hat geschrieben über die Erziehung der Jugend im Dritten Reich, („zu sehen, mit welch scheußlichem Gift man die Kinder dort speist, ist eine wirklich Qual.“) Sie hat Kinderbücher geschrieben über Mut und Abenteuer und zusammen mit ihrem Bruder Klaus ein fulminantes Kompendium über Exilanten. „Escape to life. Deutsche Kultur im Exil“ heisst es, ist schon 1938 in New York erschienen und wurde ein großer Erfolg.
„Sie machen zehnmal mehr gegen die Barbarei als wir alle Schriftsteller zusammen“, schrieb Joseph Roth schon 1935 an Erika Mann.
Und sie selbst sagt in der Einleitung zu den Fragmenten ihrer Autobiographie,
„Es ist etwas paradox, dass meine persönliche Geschichte sich vor allem mit Politik befassen wird, obwohl die Politik keinesfalls mein Hauptinteresse ist.“
Im Gegenteil, sagt sie, Parteien und abstrakte Prinzipien hätten sie nie besonders interessiert.
„Das einzige Prinzip, an das ich mich halte, ist mein hartnäckiger Glaube an einige grundlegende moralische Ideale – Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit, Toleranz.“
Ob wir heute diesem Anspruch gerecht werden? Würde sie sich wohlfühlen in unserer Gesellschaft. In unserer Sprache. Ich habe neulich in meinen Notizen diese Nachricht gefunden vom 3. März 2026 – und leider die Quelle nicht mitnotiert:
„Meine Kollegen im Newsroom berichten, dass an diesem Dienstag nun auch das Gebäude des iranischen Expertenrats getroffen wurde. Dabei seien etliche Mitglieder des Gremiums ausgeschaltet worden, das eigentlich zusammengekommen war, um den Nachfolger des getöteten Ayatollah Ali Chamenei zu wählen.“
Ausgeschaltet? Menschen wurden „ausgeschaltet“ – so wie man ein Radio ausschaltet oder das Licht? Aber wir reden ja auch von Humankapital, wenn wir Menschen meinen, nennen Gesetze zur Begrenzung der Migration „Zustrombegrenzungsgesetz.“
Sprache verroht, wenn man sich selbst nicht im anderen sieht, keine Empathie kennt. Empathie ist ja ein leider oft abgenudeltes, kaltschnäuzig ausgebeutetes Wort und kann abgleiten in den KitschSchlund. Wir könnten deshalb auch von gegenseitiger Wahrnehmung sprechen, von Aufmerksamkeit oder Anteilnahme, eben vom Miteinander. Wir können uns aber auch einfach lösen von dem WortVerschleiss und Empathie für uns zurückgewinnen als Ausdruck dieses wunderbaren MenschenSatzes von Georges Tabori:
Jeder ist jemand.
Ein Satz, der die Anerkennung des anderen verlangt, Respekt vor seinem Sein, vor seiner Art des Seins.
Florence Gaub – Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin – hat gesagt:
„Die Kompetenz der Zukunft ist Empathie.“
Fotograf Gandalf Hammerbacher
Und wieder: Es beginnt mit uns, mit jedem einzelnen von uns. Zehn Jahre lang habe ich meinen – nach zwei Schlaganfällen sehr kranken – Mann gepflegt, der – ich erwähnte es schon – nicht richtig sprechen, nicht gehen, nicht lesen und nicht schreiben konnte – aber hellwach war im Kopf.
Fast jeden Tag kamen ein Vorleser oder eine Vorleserin zu ihm. 17 hatte ich irgendwann zusammengesammelt und am Ende eine Warteliste. Für uns waren sie immer wieder die Rettung. Weil sie Lebendigkeit ins Haus brachten, Abwechslung, Lachen, Nähe.
Es waren Menschen, die es ausgehalten haben, neben einem Mann zu sitzen, den sie meist nicht verstanden, wenn er versuchte, ihnen etwas zu sagen;
die es gelernt haben, diese bedrückende Situation zu ertragen.
Oft gingen sie traurig nach Hause und kamen immer wieder. Weil sie gespürt haben, wie sehr er sie brauchte. Weil sie ihre response-ability wahrgenommen und ihre Empathie gelebt und sich selbst dabei übrigens neu kennengelernt haben.
Denn Voraussetzung für Empathie ist die Selbstwahrnehmung.
Und ja, wir können eher in jedem Menschen Jemanden sehen, wenn wir selbst ganz bewusst ein Jemand sind.
Werde, der du bist, heisst es bei dem griechischen Lyriker Pindar der etwa 500 vor Christus gelebt hat.
Als ich kürzlich Empathie auf meinem laptop bei Thesaurus eingab, kam die Antwort: Es wurden keine Ergebnisse gefunden.
Vielleicht hatte Elon Musk ja den Eintrag gelöscht.
Denn er sagt Empathie sei die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisationen. Er muss es sagen. Denn er und seinesgleichen müssen Empathie zu Recht fürchten, weil sie Bürger stark macht, eigen-willig.
Weil empathische Menschen eigene Gefühle haben, die sie befähigen, die Empfindungen anderer Geschöpfe zu spüren, Verbindungen zu leben, sich innerlich gefestigt der antidemokratischen Einverleibung zu widersetzen.
Weil sie den Mut haben, sich freiwillig mit anderen zusammenzutun. All das, was Autokraten verhindern wollen. Sie wollen uns als Vereinzelte, als verunsicherte Figuren, als manipulierbare, leicht in ihre Welt hineinzuködernde Wesen.
Lernen wir einander kennen.
Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat in seinem klugen kleinen Buch Über Tyrannei zwanzig Lektionen für den Widerstand aufgeschrieben. Übrigens eine Pflichtlektüre!!
In Lektion zwölf rät er uns:
Nimm Blickkontakt auf und unterhalte Dich mit anderen.
Denn, schreibt er, wenn wir in eine Kultur der Denunziation geraten sollten, wirst du über die psychologische Landschaft deiner Alltagsumgebung Bescheid wissen wollen.“
Es ist gut, sich vorzubereiten auf schwierige Zeiten, in denen eine „Kultur der Denunziation“ uns bedrohen könnte,
eine Atmosphäre des Misstrauens, eine Einengung der Kunst und der Gefühle, der Fantasie, des Humors, ein zensierter Gebrauch von Worten, eine Verarmung der Sprache.
Um uns zu wehren gegen die Bedrängnisse der heutigen Welt brauchen wir Empathie, den Widerstand, die Verantwortung, brauchen das Zusammensein, mit anderen, brauchen Augen, Stimmen, Ideen, Körper von anderen, brauchen Zusammenhalt. Psychologen sprechen von Kohärenzsinn, den wir empfinden, wenn wir Teil einer Gruppe sind.
Wenn ein Wissen voneinander entsteht, ein Vertrauen in eine gegenseitige Verlässlichkeit, eine Nähe, ein Halt, ein gemeinsamer Mut.
Etwas, das – da muss man bitte genau hinschauen – auch rechte Gruppen scheinbar anbieten. Nähegefühle, Gemeinschaft. Nur beruht das Zusammensein bei ihnen nicht auf Individualität, einem eigenen Sein im Zusammensein, sondern dort geht es um Verschmelzung aller zu einem Gemeinschaftskörper.
Man tut, was alle tun, man denkt, was alle denken.
Die Perfidie dieses Konzepts lässt sich vielleicht nirgends so gut nachlesen und verstehen wie in Sebastian Haffners Buch „Geschichte eines Deutschen.“
Kameradschaft, schreibt er, nehme dem Menschen auch die Verantwortung für sich selbst ab. “Sein Gewissen sind die Kameraden, und es erteilt ihm Absolution für alles, solange er tut, was alle tun……In der Kameradschaft gedeihen keine Gedanken, sondern nur Massenvorstellungen.“ Und wenn Menschen erst einmal „verkameradet“ sind, so Haffner, sind sie verloren und hochgefährlich. „So stolz und so überaus gemein und untermenschlich.“
Da schützt man nicht die Menschenwürde für andere und für sich. Wie es das oberste Ziel einer Demokratie ist. Da tut man sich nicht in hoffentlich kritischer Lust zusammen, sondern in Unterwerfung, in Selbstaufgabe.
Erika Mann verstand ihre moralischen Werte, „Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit, Toleranz,“ als unpolitisch, bevor sie politisiert wurde durch Machtmissbrauch und Menschenverachtung der Nationalsozialisten. Dabei sind sie die Voraussetzung für ein freiheitliches Miteinander, für Taboris Diktum: Jeder ist Jemand.
Einer, der sich auch sehr klar entschieden hat für seine response-ability und dieses Deutschland verliess, in dem das Judenblut vom Messer spritzen sollte, war Albert Vigoleis Thelen. Er kommt in dem Kompendium des Exils von Erika und Klaus Mann nicht vor. Die Geschwister Mann haben ihn 1938 sicher noch nicht gekannt. Thelen, kein Holländer, wie Thomas Mann, der ihn später bewunderte, zunächst fälschlich vermutete, sondern geboren in Süchteln am Niederrhein. Am 28. September 1903. Zwei Jahre vor Erika Mann. Geboren als Sohn eines bedächtigen Buchhalters, einem „Seelenkärgling“ laut Vigoleis, und einer frommen Katholikin, die später neben ihrem Heiland auch ihren Führer einschließen wird in ihr Gebet.
Vigoleis, der präzise Wortschwelger, verachtet “die konstituierende Reichsenthirnung“ durch den „Ranküne Proleten“ Hitler und seine „durchflaserten Dünklinge der Bewegung.“ Er ist nach Mallorca ausgewandert, von wo er unter dem Pseudonym Leopold Fabrizius bitterböse Artikel verfasst gegen das Verderben in seinem Land. Anfang der fünfziger Jahre dann schreibt er einen großartigen Roman. „Die Insel des Zweiten Gesichts“ heisst das dickbäuchige Oeuvre von über 900 Seiten, in dem er uns mitnimmt in die Welt der philosophierenden Bäcker und „ortsgewichtigen Ohrenbläser“, der „geilen Schindkracken“ und „schreitenden Liegelaster.“ Und zugleich glasklar analysiert, was dort passiert, von wo er weggegangen war.
„Meine Heimat war gleichgeschaltet. Über Nacht war die Bewegung in Bewegung gekommen, es wimmelte in meiner Vaterstadt. Das Rezept ist jedem bekannt, als Junge habe ich es oft ausgeführt: Ein Glas Wasser, eine Handvoll Heu, man stellt die Brühe in die Sonne, bis sich die Jauche gebildet hat, dann einen Tropfen unters Mikroskop. Es wimmelt von hin- und herschießenden Lebewesen, den Aufgußtierchen. Und wenn ein ganzes Volk in Fäulnis übergeht, entstehen auch Aufgußtiere, die der Bewegung; mit bloßem Auge indessen sind sie erkennbar, und wenn sie auf dich zuwimmeln, und du hebst den Arm nicht, dann heben sie ihn und schlagen dich tot.“
Als Thelen nach dem Krieg einen Antrag stellte auf Wiedergutmachung und von einem deutschen Gutachter befragt wurde nach den Beweggründen für seine Emigration, ob er denn jüdisch versippt gewesen sei, verneint Thelen und erklärt: „Lieber Herr Professor, ich habe das Dritte Reich aus Gründen reiner Menschlichkeit bekämpft.“ Worauf der Professor ihn mitleidig ansieht und sagt: „Aber ich bitte Sie, Herr Thelen, Menschlichkeit, was ist das schon?“
Kleiner Sprung ins Heute: Als die Bischöfin Marian Edgar Budde in ihrer Rede zu Trumps Amtseinsetzung – angesichts seiner schon angekündigten Abschieberadikalität – an seine Barmherzigkeit appellierte, forderte prompt ein MAGA Abgeordneter, die Bischöfin auf eine Abschiebeliste zu setzen.
Tun wir was – zusammen
Tun wir uns zusammen.
Bilden kleine Kreise, reden miteinander, bauen ein Netz aus Verlässlichkeit.
Die Harvard Universität hat eine Initiative ins Leben gerufen die „Love of Neighbor“ heisst. Die Liebe, Nachbarschaftsliebe, vielleicht nach dem Urbild der Nächstenliebe soll in communities etabliert werden. Liebe, so sagen die Initiatoren, sei eine Voraussetzung für ein gutes, ein gesundes Leben und so sollen die WHO und die American Psychiatric Association eingebunden werden in das Experiment. Die Stichworte sind Nähe, Mitgefühl, Versöhnung, Wohlwollen, Freundschaft, denn – so die Erklärung – diese Werte seien zu lange übersehen worden.
Neulich hat mir jemand erzählt von einem Tratschbankerl, das in einem Ort irgendwo in Süddeutschland eingerichtet worden sei, auf der auch der Pfarrer der Gemeinde einmal in der Woche sitze, um mit Menschen zu reden. Tratschbankerl gefällt mir persönlich übrigens viel besser als Beichtstuhl.
Response-ability ist ein weites Feld ohne klar abgesteckte Grenzen, ohne Bestimmung des Anfangs und des Endes.
Erika Mann, Albert Vigoleis Thelen – wir könnten hier auch noch die Geschichten von vielen anderen Exilanten erzählen – die gegangen sind, um von aussen zu bekämpfen, was innen verfaulte.
Und wir behaupten, nichts tun zu können, statt alles zu tun, um Verhältnisse zu verhindern, die diese Menschen vertrieben haben. Noch können wir aufbegehren, können wach leben – be aware wie Patti Smith sagt.
Seien wir aufmerksam.
Der österreichische Schriftsteller Hugo Bettauer war es. Schon1922 erschien sein Buch
„Die Stadt ohne Juden – ein Roman von übermorgen.“
Ja, noch ein Roman – aber es lohnt sich ihn zu kennen. Bettauer erzählt so satirisch wie prophetisch, wie ein antisemitischer österreichischer Kanzler sich zum Ziel gesetzt hat, Wien judenfrei zu machen. Er sei auf die Idee gekommen, hat Bettauer damals erzählt, weil er in einer öffentlichen Toilette „Juden raus“ gelesen und gedacht hatte, genau das einmal durchspielen zu wollen.
Alle Juden raus heisst also die Parole, denn die Juden, so der Kanzler, seien dem treuherzigen Bergvolk überlegen und hätten die arische Bevölkerung überwältigt und beherrschten sie. Alle Juden raus.
Aber dann läuft es doch nicht so wie gehofft. Es sind sehr viel mehr der angeblichen Christen „vom Judentum durchtränkt“ und müssen auch ausgewiesen werden.
Die übriggebliebenen Österreicher sind zu blöd, die Geschäfte, die Banken, die großen Konzerne zu übernehmen, da haben dann Engländer, Franzosen, Italiener schnell zugegriffen. Es gibt Arbeitslosigkeit, Bankrotte. Auch die Operettenhäuser gehen pleite. Es gibt keine guten Läden mehr, keine Eleganz, die Mode ist Tracht und Loden und sonst nix. Wien verdorft. Missmut greift um sich. Allgemeine Verelendung droht. Bis ein eleganter Herr aus dem Ausland, ein Jude incognito, zurückkehrt, sich alles dreht, und der Roman mit den Worten endet:
„Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten begann: »Mein lieber Jude!“
Ein verteufelt bitterkomischer Roman, der in seiner Prophetie weit hinter dem zurückblieb, was dann wirklich geschehen sollte.
Und doch wurde Bettauer – er war gerade mal 52 Jahre alt – 1925 für diesen Roman mit fünf Schüssen von einem sehr frühen Mitglied der NSDAP ermordet.
2026 ist nicht 1925.
Aber die FPÖ wirbt für sich mit Werbesprüchen wie:
Heimatliebe statt Marokkaner Diebe
oder
Mehr Mut für unser Wiener Blut
Zu viel Fremdes tut niemandem gut
Response-ability – zero, null.
Und der als gesichert rechtsextrem eingestufte Landesverband der AfD Sachsen Anhalt will kein „Staatsgeld ausgeben für antideutsche Kunst und Kultur.“ Sondern für Kunst, die einen Beitrag zu „deutscher Identitätsfindung“ leistet.
Unser Kultur Staatsminister Weimer bezeichnete seinen Kulturetat im letzten Jahr als „Bekenntnis zur inneren Größe unserer Kulturnation, unserer Herkunft.“
Be aware.
Vor einigen Jahren hat mein Enkel mich gefragt, was ich meinem früheren Ich gerne sagen würde. Und ich habe ohne zu zögern geantwortet: Aufwachen. Aufwachen für sich, für die Welt, für sich in der Welt. Für die eigenen Gefühle, die eigenen Bedürfnisse, die Mängel und die Fülle in sich. Und die Möglichkeit, etwas zu tun, was vielleicht, hoffentlich, Sinn macht und Freude. Seinen Platz zu finden in der Welt, einen Sinn zu finden in sich. Alles sehen – nicht nur, was erschreckt und Ingrimm weckt, sondern auch alle gloriose Schönheit, Fantasie, Hilfsbereitschaft, Zuwendung und all den klugen Erfindungsreichtum, der uns umgibt.
Wie man als Großmutter halt so spricht zum Enkel. Und nicht nur leise denkt, sondern es dann auch laut sagt, wie oft man selber gefehlt hat und immer wieder versagt.
Vor über 30 Jahren, im Jahre 1992, habe ich genau hier schon einmal gestanden, (damals habe ich noch gestanden) weil ich die Laudatio auf die Geschwister Scholl Preisträger Barbara Distel und Wolfgang Benz halten durfte. Ich habe die Rede kürzlich noch mal gelesen und festgestellt: Teile könnte ich heute wieder so halten. Über die Gefahr von rechts, über die Gefährdung unserer Demokratie, über die „es nützt ja doch nichts“ Engagementverweigerer, über den Gratismut als Privileg der Demokratie. Zivilcourage sei nicht nur das Gegenteil von Feigheit, sondern auch das Gegenteil von Lethargie und Schweigen, sagte ich, undsoweiter
Wie deprimierend!
Alles haben wir damals schon gewusst, alles damals schon gesagt. Und offenbar wenig verstanden.
Nach einer aktuellen Umfrage (19.5.26) würden heute Rechtsextremisten 27,3 Prozent der Stimmen bekommen und damit stärkste Partei werden.
Und in Buchenwald gibt es immer wieder grölende junge Menschen, die sich grinsend am Ort des Mordens fotografieren lassen, um die Bilder zu posten.
Wie konnte es dazu kommen.
Was haben wir übersehen, was nicht wahrgenommen.
Sind wir zu sehr in der Theorie geblieben und haben zu wenig hineingeschaut in die Lebenswirklichkeit dieser Menschen, die jetzt abdriften oder schon abgedriftet sind. Haben wir eine Sehnsucht nach Geborgenheit übersehen, die jetzt so viele finden im schon genannten Hexenhaus der angeblichen Gewißheit. Menschen, die Heimat finden im Haus der Nation statt im Haus der Demokratie. Warum ist Demokratie nicht Heimat geworden?
Wir haben unter anderem die strukturelle Ungleichheit nicht bekämpft, im Gegenteil, die Schere zwischen arm und reich, zwischen gebildet und ungebildet wird immer größer.
Wir haben uns gescheut, die Fäden vom Dort zum Hier zu erkennen, wie Asal Dardan sie so klarsichtig in ihrem Buch Traumaland aufdeckt.
Warum, das frage ich mich schon lange, hängt eigentlich nicht in jeder deutschen Schule, in jedem deutschen Amt, eine Landkarte Europas, auf der alle Lager -Schutzhaftlager, Konzentrationslager, Vernichtungslager, Sammellager eingezeichnet sind. Laut einer Studie des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, aus dem Jahre 2013… beläuft sich die Gesamtzahl aller derartiger Einrichtungen, von den ersten „Schutzhaftlagern“ des Jahres 1933 bis zum größten Ghetto, demjenigen von Warschau, und einschließlich aller Konzentrationslager, auf 42 500.
Stellen Sie sich 42.500 Fähnchen auf einer Landkarte Europas vor.
Und heute mehr als 27% für eine rechtsextreme Partei -in diesem Land.
Was haben wir übersehen?
Ich glaube, dass Menschen meiner Generation sich einfach nicht vorstellen konnten, dass in diesem Land, ausgerechnet in diesem Land, faschistisches Gedankengut noch einmal Einzug halten könnte in die Köpfe so vieler. Das schien einfach undenkbar.
Und nun? Aufgeben? Resignieren? „Es nützt ja doch nichts“ kleinlaut auch selber sagen? Oder entscheiden: Was tun – nun erst recht.
Denn es gibt immer wieder ein Morgen,
immer wieder ein Anfangen,
immer wieder ein Versuchen,
immer wieder ein Wollen,
immer wieder ein Hinschauen.
immer wieder ein Handeln,
Be aware.
Vor einer Weile hat Carolin Emcke mich aufmerksam gemacht auf das FotoBuch The J Street Project der amerikanischen Künstlerin Susan Hiller.
Eine Arbeit, die begann, als Hiller 2002 in Berlin eine „Jüdenstrasse“ entdeckte, und sich erschreckt und verwirrt, ja geschockt fragte, was es bedeute, hier Strassennamen zu haben, die von Menschen sprechen, die man ausgerottet hatte.
Hiller reiste von 2002 bis 2005 durch deutsche Städte, Gemeinden und Dörfer, von Aachen oder Arolsen bis Zeitz oder Zerbst und hat Strassenschilder fotografiert. Judenberg, Judengasse, Im Judenbad, Am Judenteich, Am Judenpfad, Judenhain, Judentor, Am Jüdenhügel, Judenallee, Juifenstrasse -hier in München – um nur einige zu nennen. 303 Bilder sind in dem Band zusammengestellt.
„Sie sind sichtbar und niemand sieht sie“, hat Susan Hiller in einem Interview gesagt, sie habe einer Abwesenheit gedenken, habe meditieren wollen über eine Leere.
Be aware
Die hell denkende und klarsichtig formulierende amerikanische Historikerin Heather Cox Richardson, die fast jeden Tag die gegenwärtige amerikanische Politik zu einem Bild ordnet, einem Schreckensbild, sucht – wie wir alle – nach Wegen aus der Heimsuchung.
Kürzlich hat sie einen Mönch zitiert, der gesagt habe:
Each and everyone of us has to pick up a torch
and carry it through life.
Kennen Sie Ihre Fackel? Ihre eigene Fackel. Mit der Sie ein bisschen Licht ins Dunkel bringen könnten? Die Sie bis heute getragen haben oder ab heute tragen werden?
Pick up your torch.
Statt in Lethargie und Hoffnungslosigkeit zu versinken, sich zu verkriechen in die finstere Kammer der Verzweiflung oder in den grellen Schein des Eskapismus.
Es gehört zur response-ability zu versuchen, das allumfassende Gleichgewicht des Universums wiederherzustellen. Damit die kosmische Waage nicht nur Unheil und Unglück wiegt, sondern sich in der zweiten Waagschale auch Freude, Heiterkeit und Lebensmut häufeln. Hoffnung und Handeln. Zuversicht und Zuwendung.
Pick up your torch and carry it through life.
Erika Mann hat es getan – und jetzt sind wir dran.
Fotograf Gandalf Hammerbacher
Gabriele von Arnim, Fotografin Paulina Hildesheim
Die Autorin und Journalistin Gabriele von Arnim hält die Erika Mann Lecture Series 2026
Gabriele von Arnim wurde 1946 in Hamburg geboren. Sie hat studiert, promoviert und zehn Jahre als freie Journalistin in New York gelebt. Danach schrieb sie u.a. für DIE ZEIT und SÜDDEUTSCHE, BR und WDR und arbeitete als Moderatorin für ARTE, SDR/SWR und SF. Sie schreibt Rezensionen für Zeitungen und Hörfunk, moderiert Lesungen, hat mehrere Bücher veröffentlicht und lebt in Berlin.
Erika-Mann-Lecture 2026: Gandalf Hammerbacher, Fotografie
response-ability
oder
Die Kunst der Verantwortung
Erika Mann Lecture,
Ludwig-Maximilians-Universität,
27. Juni 2026
„Der Barbar wartet, und wir werden stetig schwächer in der Sicherheit unserer Vergnügungen und unserer Bequemlichkeit.“ Das lässt der amerikanische Autor John Williams in seinem Roman „Augustus“ den Kaiser sagen, der von 31 vor Christus bis 14 nach Christus regierte. „Der Barbar wartet, und wir werden stetig schwächer in der Sicherheit unserer Vergnügungen und Bequemlichkeit.“
Williams hätte diese Zeilen auch für uns im Heute schreiben können. Denn es ist wieder einmal an der Zeit, uns zu erheben aus unserer Couch namens Bequemlichkeit, uns zu befreien aus den verlockenden Armen des flauen Vergnügens und in die Welt hineinzuhören, Entwicklungen wahr- und Forderungen anzunehmen, die die Zeit an uns stellt.
Uns für das Leben in Freiheit zu entscheiden und nicht für den Käfig der Autokratie. Es ist nicht die Zeit, es ist wohl nie die Zeit, für „wohlige Verantwortungslosigkeit“, wie Camus es so treffend nannte. Man kann nicht länger als Demokratiedöser durch die Tage schlurfen, sondern muss sich als partizipatorischer Bürger einbringen ins Geschehen.
Muss? Du musst nur sterben, pflegte mein Mann zu sagen, und ich bin vorsichtig geworden mit dem Wort. Aber hier?
Wir müssen nicht, wir wollen, sagt ein Freund. Es liege doch in unserem ureigensten Interesse, als Bürger sich einzumischen. Das ist hehr gedacht. Aber handeln wir auch hehr? Begreifen wir uns als Wächter der Demokratie und zeigen engagiert:
Repression gebiert Widerspenstigkeit, kulturelle Einengung schürt Widerspruch, Beschränkung von Meinungsfreiheit rüttelt auf zur Einübung in Zivilcourage. Oder geniessen wir nur unsere Rechte und vernachlässigen unsere Pflichten, unsere Selbstverantwortung?
Verantwortung nämlich kostet Nerven und Kraft, kostet Mühe und Bemühen und setzt voraus, zu verstehen und zu fühlen, dass alles, was in der Welt passiert, mit uns zu tun hat, dass wir hier mitverantwortlich sind für das, was dort geschieht. Denn allein, dass wir sind, dass wir atmen, leben, lieben, denken, wollen, verändert die Welt.
Navid Kermani schreibt: „…schon wenn du einatmest, bist du verbunden mit der ganzen Welt. Jedes Mal, wenn du ausatmest, nimmt die Welt Anteil an dir.“
Wir sind also da – aber wer wir sind und wie wir sind, das können wir selbst bestimmen, können entscheiden, was wir wahrnehmen, erkennen, wissen, lernen, begreifen.
Es ist wahrlich nicht leicht, sich zu orientieren in dieser Zeit des Wahnsinns wobei ich immer noch nicht weiss, welcher Sinn denn nun im Wahn liegt. Aber vielleicht ist es der, endlich zu erkennen, wie ernst es um uns steht, wie dringlich es ist, zu sein, wer wir sein könnten, um couragiert den Aufbruch in Abschiede von Gewissheiten anzugehen und daran zu glauben, dass nach jedem Ende ein Anfang kommt. Nach der Angst vor dem Vergehen alter Ordnungen die Lust auf die Freiheit der Ungewissheit, in der Hoffnungsmut gedeihen kann und Zukunftsfantasien locken. Wenn wir denn dem Wollen ein Tun folgen lassen.
Wie Erika Mann es tat. Diese so charmante wie sperrige, kluge, witzige, vielgestaltige, eigen-willige, kämpferische und dann doch auch zerbrechende Figur in dieser so komplizierten Familie, in einer so unheilvollen Zeit. Früh hat Erika Mann Gefahren erkannt und benannt. Schon Ende August 1933 schrieb sie:
„Ich wäre so eine gute Kraft für große Machenschaften, man müßte mich nur anstellen dafür, und mir scheint, wir müssen uns alle ganz der Politik weihen.“
Worte einer Frau, die sich zunächst nicht für Politik interessiert hatte, die Schauspielerin war, Rallyefahrerin, bevor sie eine scharfzüngige Kabarettistin wurde, Schriftstellerin, Kriegsberichterstatterin, Rednerin und vieles mehr. Die so eloquent und beharrlich warnte vor dem Verlust der Menschenrechte, der Moral, der Demokratie in diesem Deutschland des – Anstand und Freiheit verschlingenden Nationalsozialismus.
„Ich war der irrigen Auffassung“, schrieb sie Ende der 30iger Jahre, „dass Politik Sache der Politiker wäre und dass ich mich in fremder Leute Angelegenheiten nicht mischen sollte. So haben viele bei uns gedacht und so kam Hitler zur Macht.“ (escape to life S.16)
Mischen wir uns also ein. Nehmen wir Erika Manns Warnung vor der Verantwortungslosigkeit ernst. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihrem konsequenten Weg vom unpolitischen Sein zur politischen Aktivistin, versuchen wir mit Verve die schon erwähnten Demokratiedöser aufzustören – denn noch sind sie die Mehrheit.
Wie oft sitzt man zusammen mit politisch besorgten Menschen und hört sie sagen, und sagt es womöglich selbst: ich kann ja doch nichts tun. Man wisse nicht, wo man anfangen könne, obgleich man so gern anfangen würde. Aber stimmt das? Oder machen wir es uns – sanft ächzend – in unserer Ratlosigkeit allzu bequem. Scheuen die Belastung des Engagements. Sind auch anmaßend. Wenn wir nicht gleich die Welt verändern können, kümmert uns nicht der kleine einzelne Schritt, sehen wir nicht, dass jeder Schritt von jedem Menschen zählt, denn wenn wir alle Wege suchen, trampeln wir gemeinsam Pfade ins verschlungene Dickicht des Lebens und der Gesellschaft.
Etwas tun zu wollen heisst, sich einer präzisen Lebensbesichtigung seiner Möglichkeiten zu stellen, die eigene Unabhängigkeit, ein selbständiges Denken und ein freies Fühlen in sich zu finden.
Und es sage keiner, er habe nichts zu bieten, jeder kann sich Freunden und Hausbewohnern zuwenden, kann mit anderen zusammen Müll aufsammeln im Park, kann der kranken Nachbarin Medikamente aus der Apotheke holen, kann – den anderen wahrnehmend – präsent sein, kann zuhören, auch und gerade anderen Meinungen, kann auf die Strasse gehen und mit anderen plaudern oder auf die Strasse gehen und mit anderen protestieren.
Demokratie ist nicht nur Meinungsfreiheit, Rechtsstaat und Vielfalt. Demokratie heisst auch Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Zuwendung.
We can contribute, every one of us, sagt die Rocksängerin und Aktivistin Patti Smith
Indem wir aufmerksam sind, by being aware, by being good people und fährt fort:
Radiating good is it‘s own action.
Schon das eigene gute Tun strahle aus in die Welt.
Das klingt nach kleiner Münze. Klingt bescheiden. Wo wir doch die Welt verändern wollen. Aber die Welt ist eben dort, wo wir sind. Wir sind die Welt. Jeder und jede von uns.
Jeder große Strom hat eine kleine Quelle. Und jeder einzelne lebendige Mensch ist eine Quelle der Möglichkeiten, der Hoffnung.
It’s hard to hope hat Barack Obama beim Trauergottesdienst für Reverend Jesse Jackson gesagt: In times like these it’s hard to hope. Und wir kennen doch alle dieses lauernde Gefühl der Hoffnungslosigkeit, kennen Menschen, die das Sein kaum aushalten können in diesen Zeiten des Verlusts, der Rückschritte, der Abschiede von Demokratie- und Friedensgewissheit, der Enttäuschungen, der Gewalt, der obszönen Macht von Techmilliardären, der Kriege und klimatischen Katastrophen, der misogynen und fremdenfeindlichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Menschen, die resignieren, sich verabschieden davon, zuständig zu sein für den Zustand der Welt, und dabei verdrängen, dass es doch ihre Welt ist.
Andere gehen jenen auf den Leim, die einfache Antworten geben, die uns mit langen Hexenfingern in ihr scheinbar krisensicheres Haus der Gewissheit locken – Hänsel ist schon drin und viele andere auch. Spazierten hinein und kommen nicht wieder raus, weil sie zu spät begreifen: sie werden gemästet, um gebraten zu werden.
Aber zu hoffen, so fuhr Obama fort in seiner Rede – sei heute unsere Aufgabe, wir alle müssten Botschafter der Hoffnung sein, messengers of hope. Selbst wenn vielleicht erst einmal ohne spürbaren Erfolg – so gebe es doch unserem Leben eine Richtung, einen Sinn – a purpose.
Als hier in München vor kurzem der Grüne Dominik Krause zum Oberbürgermeister gewählt wurde, hiess es die Leute hätten einfach mal Lust gehabt auf eine positive Geschichte. Keine Ahnung, ob Dominik Krause eine positive Geschichte ist, aber dass wir Aufbruchgeschichten brauchen, spüren wir überall.
Kennen Sie Tulln? Tulln, die österreichische Gartenstadt an der Donau, die sich „Die Stadt des Miteinanders“ nennt und deren Bürgermeister sagt, es sei die ureigenste Aufgabe der Politik das Miteinander zu fördern. Zusammenhalt mache eine Gemeinschaft stark und gesund und helfe auch der wirtschaftlichen Prosperität. Sich als Stadt so einen Namen zu geben und Politik so zu definieren, veränderte offenbar das Verhalten der Bürger. Die mittun wollen beim Miteinander, sich verantwortlich fühlen für ihre Stadt.
Es ist das Tun.
Der syrische Anwalt Anwar al Bunni, nach Gefängnis und Folter geflüchtet aus seinem Land, hat viele Jahre lang in Europa ein großes Netzwerk von Anwälten und Rechercheuren aufgebaut, um die Verbrechen der Folterer in Syrien zu dokumentieren. Bei den Prozessen, die nach dem Weltrechtsprinzip auch bei uns schon geführt wurden, in Frankfurt und in Koblenz, hat al Bunni aus seinem umfangreichen Archiv entscheidende Informationen geben können. Dieser Mann hat Hoffnung und Verantwortung für mich auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Ich hoffe nicht auf eine bessere Zukunft. Ich tue alles, damit es eine bessere Zukunft geben kann. “ Er hat nicht gehofft, er hat gehandelt. Und war immer zuversichtlich, dass das, was er tat, ein sinnvolles Zukunftstun sei.
Das Prinzip Zuversicht scheint mir ohnehin verlässlicher zu sein als die so oft mit uns tändelnde Hoffnung. Ernst Bloch schrieb selbst: „Es liegt im Wesen der Hoffnung, dass sie enttäuscht werden kann, sonst wäre sie ja Zuversicht.“
Zuversicht ist ein innerer Kompass, eine Kraftquelle, ein Antrieb, führt hinein ins Tun. Die Kunst der Zuversicht übe ich täglich.
Auch die Demokratie braucht Zuversicht. Braucht Bürger, die Freiheit wertschätzen und Rechtssicherheit, das Glück kultureller und sexueller Selbstbestimmung, der Vielfalt und der Gleichberechtigung.
Auch Demokratie gilt es zu üben.
Fotograf Gandalf Hammerbacher
„Die Demokratie“, schrieb Heinrich Mann 1932, „ist eine Schule mit…, so vielen Prüfungen, wie das Leben selbst … und innerhalb des einzelnen Volkes sind immer eine gewisse Anzahl Schüler ausgesprochen schlecht und möchten gleich die Schule in Brand stecken … so ist es heute in Deutschland. Sie möchten brandstiften, … Aber die vernünftigen und brauchbaren Lebensschüler … werden dafür sorgen, dass uns das Schlimmste erspart bleibt.“
1932 schrieb Heinrich Mann diese Zeilen. Ein Jahr später wurde das erste Konzentrationslager in Deutschland errichtet. In Dachau.
2026 ist nicht 1932. Aber die Zeiten sind gefährlich, und ich staune immer wieder ob der Realitätsflüchtlinge, die mir immer noch sagen – es geht dir doch gut, warum regst du dich auf. Menschen, die nicht begreifen, dass wir alle zusammen unsere Gesellschaft bilden, alle zusammen das Leben sind in einem freien Land. Menschen, die zu furchtsam sind, hinzuschauen auf die Krisen der Gegenwart die immer noch denken Demokratie sei ein Zustand, in dem man sich nur um sich kümmern könne, während Demokratie tatsächlich aber ein Prozess ist, in dem man sich umeinander kümmern sollte. Demokratie ist kein „mir geht es gut, was schert mich die Welt“, sondern ein „wie geht es uns.“
Wir haben eine Welt – und wir sind die Welt Wir haben eine Demokratie und wir sind die Demokratie. Oder, um noch einmal Camus zu zitieren: „Die Wirklichkeit der Welt ist unsere gemeinsame Heimat.“
Als Tsitsi Dangarembga, Filmemacherin und Schriftstellerin aus Simbabwe, 2021 in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, sprach sie in ihrer Dankesrede auch über den Weg vom Ich zum Wir und sagte: „In meinem Teil der Welt war der Kern unserer Lebensphilosophie die Idee „Ich bin, weil du bist. ” Diese Philosophie, so fuhr sie fort, werde noch immer in Begrüßungen ausgedrückt wie „Mir geht es gut, wenn es dir gut geht. “ Und dieser Satz gilt für jeden, nicht nur die eigenen Liebsten, nicht nur für die, denen man zugetan ist, er gilt für die Gesellschaft, gilt für Mensch und Tier und Baum. Wir gehören alle zusammen, wir existieren, gedeihen und verlöschen gemeinsam. Die albanische Philosophin Lea Ypi sagt, sie könne sich nur in einer Gesellschaft wirklich frei fühlen, in der alle frei seien.
Neu ist das Wissen nicht um das gemeinsame Wohl, ein Gemeinwohl – aber es wird immer wieder vergessen. Als Hannah Arendt am 28. September 1959 in Hamburg ihre Dankesrede hielt für den Lessing Preis, mit dem schönen Titel „Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten“, zitierte die Philosophin Aristoteles, für den nämlich, so sagte sie, „die Freundschaft zwischen den Bürgern eines der Grunderfordernisse des gesunden Gemeinwesens“ gewesen sei. Erst das „dauernde Miteinander-Sprechen“ vereinige die Bürger zu einer polis.
Wie passend, dass Ministerin Prien neulich erklärt hat:
„Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel. “
Dabei wäre doch gerade das diverse Wir eines der vorrangigsten Ziele für die Demokratie eines Einwanderungslandes. Denn wir sind – wie gesagt – nur Mensch mit anderen Menschen. Werden, wer wir sind, weil wir in Beziehung zueinander leben, weil wir üben, den Menschen als Menschen, als Nächsten zu lieben.
„The only thing more powerful than hate is love“ prangte auf einem riesigen billboard bei der grandiosen Show von Bad Bunny beim Superbowl, in der er das Miteinander leidenschaftlich gefeiert hat. Wenn Sie den Mut haben, Liebe zu denken, Liebe als politische Haltung zu denken, lesen Sie Daniel Schreiber, der genau dazu ein kluges Buch geschrieben hat.
Ja, im Moment tut es weh, genau wahrzunehmen, was wo geschieht, wie es wem wo geht. Im Moment wollen wir uns am liebsten einkapseln – je grausamer die Welt wird, desto weniger wollen wir hinschauen, wollen uns schützen vor dem Entsetzen.
Eine kurzfristig verständliche Entscheidung und langfristig für jeden von uns ungustiös. Denn wie hat es der Psychoanalytiker Arno Gruen gesagt:
Wer Schmerz nicht fühlen will, kann auch wahre Freude nicht empfinden.
In anderen Worten: Wir bleiben durchlässig oder verstumpfen in jede Richtung.
Erika Mann hat die Kälte der Gleichgültigkeit „dies kühlste aller Ruhekissen“ genannt, das sehr gefragt und allgemein beliebt sei.
Sie könnte diese Zeilen auch heute singen.
Gleichgültigkeit mag verlockend sein, als Fluchtweg aus dem Weltenschmerz – aber wenn wir wegschauen, überlassen wir leichtfertig denen das Feld, die die Welt vergiften, statt dass wir selber Mixturen brauen aus Hoffnung und Wohlwollen. Übrigens ist Wohlwollen nicht nur ein schönes Wort, es ist auch ein schönes Gefühl. Dem anderen und sich wohl zu wollen. Viele merken, wenn sie anderen Gutes tun, geht es ihnen selber besser. Nicht nur die Wissenschaft, auch der eigene Menschenverstand bestätigt das. Und immer wieder leben wir das Gegenteil – fördern wir Selbstsucht, feiern die skrupellosen Gewinner, finden Freundlichkeit was für Weicheier. Denn Zuwendung, Fürsorge und Aufmerksamkeit gelten gemäss dem Credo der kapitalistischen JetztZeit als Tugend der Versager. Einfühlung schwächt, und so bleibt als Tropf auf der Strecke, wer sich nicht der Selbstsucht verschreibt. Darauf kommen wir noch mal. Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil. Wenn wir anfangen, uns verantwortlich zu fühlen für die Welt um uns herum und uns darin, wenn wir anfangen zu handeln, geht es uns besser.
Viele stöhnen auf, wenn sie das Wort Verantwortung hören, winken ab, denken, wie Erika Mann es schrieb, Politik sei Sache der Politiker, sie hören Last und Pflicht, hören auferlegte Bürde, die sie zum ohnehin schon bedrängenden Alltag voller Aufgaben und Verpflichtungen nicht auch noch auf sich laden möchten.
Ich kann das gut verstehen. Nachdem ich zehn Jahre lang meinen sehr kranken Mann gepflegt hatte, der zwar hellwach war im Kopf aber nicht so sprechen konnte, dass andere ihn verstanden, der nicht schreiben, nicht gehen und nicht lesen konnte, stellte sich nach seinem Tod alles in mir auf Abwehr, wenn ich irgendwo für irgend jemanden Verantwortung übernehmen sollte. Das hatte ich nun so viele Jahre lang in extenso getan – bis ins kleinste Detail bis in die größten Fragen über Leben und Tod. Ich bestand darauf, unbehelligt zu bleiben, nicht antworten zu müssen auf Fragen des Miteinanders, des demokratischen Zusammenlebens.
In dem Wort Verantwortung steckt Antwort, Verantwortung ist also die Erwiderung auf eine Frage. Nehmen wir einmal das englische Wort responsibility und nehmen es auseinander – Response-ability heisst, die Fähigkeit zu haben zu antworten auf Fragen, die man hört und wirken lässt auf sich. Es geht also auch um die eigene Empfindsamkeit, die Courage, die Fragen zu hören, die die Zeit, unser Gewissen, die Gesellschaft uns stellen.
Im Englischen unterscheidet man zwischen react and respond. Wenn ich reagiere, lasse ich mich triggern und lege los, wenn ich antworte, habe ich hingedacht und hingefühlt, abgewogen und eingeordnet. Ausgesucht hat man sich die Situation meist nicht, in der man ist. Kann sie nicht kontrollieren. Kontrollieren kann man allein seine Entgegnung, seine Einwilligung oder Abwehr, seine Antwort. Wenn das Schicksal – wer immer dieses ominöse NichtWesen sein mag – wenn das Schicksal mit Blitzkrach und Donnergetöse über uns herfällt, wenn dieses Monster brüllt, das den freien Willen in uns demütigen, vielleicht sogar auslöschen will, könnten, können wir immer noch auf unsere Weise antworten. Und genau in dem Moment, der scheinbar aussichtslos ist, werden wir aufgefordert zur response-ability, den Raum des Entweder-Oder zu begreifen, in dem wir entscheiden, wer wir sind. In diesem Raum wohnt die Möglichkeit selber zu denken, abzuwägen, wahrzunehmen, hier wartet unsere Selbstbestimmung.
Ausgerechnet ein Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz lehrt uns, was response-ability ist, „unsere Macht, unsere Antwort zu wählen“, wie er schreibt.
Viktor Frankl, Sie erinnern sich, österreichischer Neurologe und Psychiater, Begründer der sogenannten Logotherapie und Existenzanalyse, hat response-ability zur existentiellen Lebenswirksamkeit erklärt. In seinem wohl berühmtesten Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“, das übrigens schon 1946 erschienen ist, schreibt er: ( S. 117)
„Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet … Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten die rechte Antwort geben. Leben heisst letztlich eben nichts anderes als Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“
Das ist seine Lektion aus Auschwitz. Nicht mit dem Leben hadern, wenn es uns belagert und quält, sondern dem Leben antworten, eine eigene Haltung finden – auch angesichts von Gefahr und größter Not. Verantwortung für sich zu übernehmen.
Heute lebt die belarussische Künstlerin Maryja Kaleshnikava diese Botschaft. Von September 2020 bis Dezember 2025, also mehr als fünf Jahre, war sie in Haft, teilweise in Einzelhaft und schreibt: „Wahre Freiheit beginnt dort, wo es gelingt, das Böse im eigenen Inneren nicht wachsen zu lassen. …Weder Gefängnisse noch Ketten können den Geist der Freiheit aufhalten. … Freiheit beginnt dort, wo wir uns entscheiden, Mensch zu bleiben.“
Response-ability in lebensbedrohender Lage. Was für ein Anspruch, was für eine Größe, wenn das gelingt. Ich lese Sätze wie die von Frankl oder Kaleshnikava mit Staunen, nein mit Ehrfurcht. Und mit Dankbarkeit, nie in solcher Weise geprüft und getestet worden zu sein.
Viktor Frankl, 1905 in Wien geboren 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert. Seine Eltern und seine Frau wurden ermordet. Erika Mann, 1905 in München geboren. 1935 ausgebürgert und 1937 in die Vereinigten Staaten emigriert. Gekannt haben sie sich wohl nicht. Aber Erika Mann hat gelebt, was Frankl beschreibt, hat sich – wie gesagt – als Schauspielerin, Abenteurerin, Schreiberin immer mehr aufgerufen gefühlt, sich einzumischen in gesellschaftliche Belange, hat immer mehr Stellung bezogen, um zu bekämpfen, was sie politisch entsetzte. Hat ihren Beruf als Schauspielerin mehr oder weniger aufgegeben und politisches Kabarett gemacht, hat ihr Land verloren und für lange Zeit auch ihre Sprache, hat im amerikanischen Exil ihre response-ability mit Leidenschaft wahrgenommen. Sie hat Geschichten der Entrechtung recherchiert und geschrieben. „Wenn die Lichter ausgehen“ heisst eines ihrer Bücher – ein so sprechender Titel, der uns unvermittelt spüren lässt die Dunkelheit eines faschistischen Regimes. Sie hat geschrieben über die Erziehung der Jugend im Dritten Reich, („zu sehen, mit welch scheußlichem Gift man die Kinder dort speist, ist eine wirklich Qual.“) Sie hat Kinderbücher geschrieben über Mut und Abenteuer und zusammen mit ihrem Bruder Klaus ein fulminantes Kompendium über Exilanten. „Escape to life. Deutsche Kultur im Exil“ heisst es, ist schon 1938 in New York erschienen und wurde ein großer Erfolg.
„Sie machen zehnmal mehr gegen die Barbarei als wir alle Schriftsteller zusammen“, schrieb Joseph Roth schon 1935 an Erika Mann.
Und sie selbst sagt in der Einleitung zu den Fragmenten ihrer Autobiographie, „Es ist etwas paradox, dass meine persönliche Geschichte sich vor allem mit Politik befassen wird, obwohl die Politik keinesfalls mein Hauptinteresse ist. “ Im Gegenteil, sagt sie, Parteien und abstrakte Prinzipien hätten sie nie besonders interessiert. „Das einzige Prinzip, an das ich mich halte, ist mein hartnäckiger Glaube an einige grundlegende moralische Ideale – Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit, Toleranz.“
Ob wir heute diesem Anspruch gerecht werden? Würde sie sich wohlfühlen in unserer Gesellschaft. In unserer Sprache. Ich habe neulich in meinen Notizen diese Nachricht gefunden vom 3. März 2026 – und leider die Quelle nicht mitnotiert: „Meine Kollegen im Newsroom berichten, dass an diesem Dienstag nun auch das Gebäude des iranischen Expertenrats getroffen wurde. Dabei seien etliche Mitglieder des Gremiums ausgeschaltet worden, das eigentlich zusammengekommen war, um den Nachfolger des getöteten Ayatollah Ali Chamenei zu wählen.“
Ausgeschaltet? Menschen wurden „ausgeschaltet“ – so wie man ein Radio ausschaltet oder das Licht? Aber wir reden ja auch von Humankapital, wenn wir Menschen meinen, nennen Gesetze zur Begrenzung der Migration „Zustrombegrenzungsgesetz.“
Sprache verroht, wenn man sich selbst nicht im anderen sieht, keine Empathie kennt. Empathie ist ja ein leider oft abgenudeltes, kaltschnäuzig ausgebeutetes Wort und kann abgleiten in den KitschSchlund. Wir könnten deshalb auch von gegenseitiger Wahrnehmung sprechen, von Aufmerksamkeit oder Anteilnahme, eben vom Miteinander. Wir können uns aber auch einfach lösen von dem WortVerschleiss und Empathie für uns zurückgewinnen als Ausdruck dieses wunderbaren MenschenSatzes von Georges Tabori: Jeder ist jemand. Ein Satz, der die Anerkennung des anderen verlangt, Respekt vor seinem Sein, vor seiner Art des Seins. Florence Gaub – Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin – hat gesagt: „Die Kompetenz der Zukunft ist Empathie.“
Fotograf Gandalf Hammerbacher
Und wieder: Es beginnt mit uns, mit jedem einzelnen von uns. Zehn Jahre lang habe ich meinen – nach zwei Schlaganfällen sehr kranken – Mann gepflegt, der – ich erwähnte es schon – nicht richtig sprechen, nicht gehen, nicht lesen und nicht schreiben konnte – aber hellwach war im Kopf.
Fast jeden Tag kamen ein Vorleser oder eine Vorleserin zu ihm. 17 hatte ich irgendwann zusammengesammelt und am Ende eine Warteliste. Für uns waren sie immer wieder die Rettung. Weil sie Lebendigkeit ins Haus brachten, Abwechslung, Lachen, Nähe.
Es waren Menschen, die es ausgehalten haben, neben einem Mann zu sitzen, den sie meist nicht verstanden, wenn er versuchte, ihnen etwas zu sagen;
die es gelernt haben, diese bedrückende Situation zu ertragen.
Oft gingen sie traurig nach Hause und kamen immer wieder. Weil sie gespürt haben, wie sehr er sie brauchte. Weil sie ihre response-ability wahrgenommen und ihre Empathie gelebt und sich selbst dabei übrigens neu kennengelernt haben.
Denn Voraussetzung für Empathie ist die Selbstwahrnehmung.
Und ja, wir können eher in jedem Menschen Jemanden sehen, wenn wir selbst ganz bewusst ein Jemand sind.
Werde, der du bist, heisst es bei dem griechischen Lyriker Pindar der etwa 500 vor Christus gelebt hat.
Als ich kürzlich Empathie auf meinem laptop bei Thesaurus eingab, kam die Antwort: Es wurden keine Ergebnisse gefunden.
Vielleicht hatte Elon Musk ja den Eintrag gelöscht.
Denn er sagt Empathie sei die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisationen. Er muss es sagen. Denn er und seinesgleichen müssen Empathie zu Recht fürchten, weil sie Bürger stark macht, eigen-willig.
Weil empathische Menschen eigene Gefühle haben, die sie befähigen, die Empfindungen anderer Geschöpfe zu spüren, Verbindungen zu leben, sich innerlich gefestigt der antidemokratischen Einverleibung zu widersetzen.
Weil sie den Mut haben, sich freiwillig mit anderen zusammenzutun. All das, was Autokraten verhindern wollen. Sie wollen uns als Vereinzelte, als verunsicherte Figuren, als manipulierbare, leicht in ihre Welt hineinzuködernde Wesen.
Lernen wir einander kennen.
Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat in seinem klugen kleinen Buch Über Tyrannei zwanzig Lektionen für den Widerstand aufgeschrieben. Übrigens eine Pflichtlektüre!!
In Lektion zwölf rät er uns:
Nimm Blickkontakt auf und unterhalte Dich mit anderen.
Denn, schreibt er, wenn wir in eine Kultur der Denunziation geraten sollten, wirst du über die psychologische Landschaft deiner Alltagsumgebung Bescheid wissen wollen.“
Es ist gut, sich vorzubereiten auf schwierige Zeiten, in denen eine „Kultur der Denunziation“ uns bedrohen könnte,
eine Atmosphäre des Misstrauens, eine Einengung der Kunst und der Gefühle, der Fantasie, des Humors, ein zensierter Gebrauch von Worten, eine Verarmung der Sprache.
Um uns zu wehren gegen die Bedrängnisse der heutigen Welt brauchen wir Empathie, den Widerstand, die Verantwortung, brauchen das Zusammensein, mit anderen, brauchen Augen, Stimmen, Ideen, Körper von anderen, brauchen Zusammenhalt. Psychologen sprechen von Kohärenzsinn, den wir empfinden, wenn wir Teil einer Gruppe sind.
Wenn ein Wissen voneinander entsteht, ein Vertrauen in eine gegenseitige Verlässlichkeit, eine Nähe, ein Halt, ein gemeinsamer Mut.
Etwas, das – da muss man bitte genau hinschauen – auch rechte Gruppen scheinbar anbieten. Nähegefühle, Gemeinschaft. Nur beruht das Zusammensein bei ihnen nicht auf Individualität, einem eigenen Sein im Zusammensein, sondern dort geht es um Verschmelzung aller zu einem Gemeinschaftskörper.
Man tut, was alle tun, man denkt, was alle denken.
Die Perfidie dieses Konzepts lässt sich vielleicht nirgends so gut nachlesen und verstehen wie in Sebastian Haffners Buch „Geschichte eines Deutschen.“
Kameradschaft, schreibt er, nehme dem Menschen auch die Verantwortung für sich selbst ab. „Sein Gewissen sind die Kameraden, und es erteilt ihm Absolution für alles, solange er tut, was alle tun……In der Kameradschaft gedeihen keine Gedanken, sondern nur Massenvorstellungen.“ Und wenn Menschen erst einmal „verkameradet“ sind, so Haffner, sind sie verloren und hochgefährlich. „So stolz und so überaus gemein und untermenschlich.“
Da schützt man nicht die Menschenwürde für andere und für sich. Wie es das oberste Ziel einer Demokratie ist. Da tut man sich nicht in hoffentlich kritischer Lust zusammen, sondern in Unterwerfung, in Selbstaufgabe.
Erika Mann verstand ihre moralischen Werte, „Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit, Toleranz,“ als unpolitisch, bevor sie politisiert wurde durch Machtmissbrauch und Menschenverachtung der Nationalsozialisten. Dabei sind sie die Voraussetzung für ein freiheitliches Miteinander, für Taboris Diktum: Jeder ist Jemand.
Einer, der sich auch sehr klar entschieden hat für seine response-ability und dieses Deutschland verliess, in dem das Judenblut vom Messer spritzen sollte, war Albert Vigoleis Thelen. Er kommt in dem Kompendium des Exils von Erika und Klaus Mann nicht vor. Die Geschwister Mann haben ihn 1938 sicher noch nicht gekannt. Thelen, kein Holländer, wie Thomas Mann, der ihn später bewunderte, zunächst fälschlich vermutete, sondern geboren in Süchteln am Niederrhein. Am 28. September 1903. Zwei Jahre vor Erika Mann. Geboren als Sohn eines bedächtigen Buchhalters, einem „Seelenkärgling“ laut Vigoleis, und einer frommen Katholikin, die später neben ihrem Heiland auch ihren Führer einschließen wird in ihr Gebet.
Vigoleis, der präzise Wortschwelger, verachtet “die konstituierende Reichsenthirnung“ durch den „Ranküne Proleten“ Hitler und seine „durchflaserten Dünklinge der Bewegung.“ Er ist nach Mallorca ausgewandert, von wo er unter dem Pseudonym Leopold Fabrizius bitterböse Artikel verfasst gegen das Verderben in seinem Land. Anfang der fünfziger Jahre dann schreibt er einen großartigen Roman. „Die Insel des Zweiten Gesichts“ heisst das dickbäuchige Oeuvre von über 900 Seiten, in dem er uns mitnimmt in die Welt der philosophierenden Bäcker und „ortsgewichtigen Ohrenbläser“, der „geilen Schindkracken“ und „schreitenden Liegelaster.“ Und zugleich glasklar analysiert, was dort passiert, von wo er weggegangen war.
„Meine Heimat war gleichgeschaltet. Über Nacht war die Bewegung in Bewegung gekommen, es wimmelte in meiner Vaterstadt. Das Rezept ist jedem bekannt, als Junge habe ich es oft ausgeführt: Ein Glas Wasser, eine Handvoll Heu, man stellt die Brühe in die Sonne, bis sich die Jauche gebildet hat, dann einen Tropfen unters Mikroskop. Es wimmelt von hin- und herschießenden Lebewesen, den Aufgußtierchen. Und wenn ein ganzes Volk in Fäulnis übergeht, entstehen auch Aufgußtiere, die der Bewegung; mit bloßem Auge indessen sind sie erkennbar, und wenn sie auf dich zuwimmeln, und du hebst den Arm nicht, dann heben sie ihn und schlagen dich tot.“
Als Thelen nach dem Krieg einen Antrag stellte auf Wiedergutmachung und von einem deutschen Gutachter befragt wurde nach den Beweggründen für seine Emigration, ob er denn jüdisch versippt gewesen sei, verneint Thelen und erklärt: „Lieber Herr Professor, ich habe das Dritte Reich aus Gründen reiner Menschlichkeit bekämpft.“ Worauf der Professor ihn mitleidig ansieht und sagt: „Aber ich bitte Sie, Herr Thelen, Menschlichkeit, was ist das schon?“
Kleiner Sprung ins Heute: Als die Bischöfin Marian Edgar Budde in ihrer Rede zu Trumps Amtseinsetzung – angesichts seiner schon angekündigten Abschieberadikalität – an seine Barmherzigkeit appellierte, forderte prompt ein MAGA Abgeordneter, die Bischöfin auf eine Abschiebeliste zu setzen.
Tun wir was – zusammen
Tun wir uns zusammen.
Bilden kleine Kreise, reden miteinander, bauen ein Netz aus Verlässlichkeit.
Die Harvard Universität hat eine Initiative ins Leben gerufen die „Love of Neighbor“ heisst. Die Liebe, Nachbarschaftsliebe, vielleicht nach dem Urbild der Nächstenliebe soll in communities etabliert werden. Liebe, so sagen die Initiatoren, sei eine Voraussetzung für ein gutes, ein gesundes Leben und so sollen die WHO und die American Psychiatric Association eingebunden werden in das Experiment. Die Stichworte sind Nähe, Mitgefühl, Versöhnung, Wohlwollen, Freundschaft, denn – so die Erklärung – diese Werte seien zu lange übersehen worden.
Neulich hat mir jemand erzählt von einem Tratschbankerl, das in einem Ort irgendwo in Süddeutschland eingerichtet worden sei, auf der auch der Pfarrer der Gemeinde einmal in der Woche sitze, um mit Menschen zu reden. Tratschbankerl gefällt mir persönlich übrigens viel besser als Beichtstuhl.
Response-ability ist ein weites Feld ohne klar abgesteckte Grenzen, ohne Bestimmung des Anfangs und des Endes.
Erika Mann, Albert Vigoleis Thelen – wir könnten hier auch noch die Geschichten von vielen anderen Exilanten erzählen – die gegangen sind, um von aussen zu bekämpfen, was innen verfaulte.
Und wir behaupten, nichts tun zu können, statt alles zu tun, um Verhältnisse zu verhindern, die diese Menschen vertrieben haben. Noch können wir aufbegehren, können wach leben – be aware wie Patti Smith sagt.
Seien wir aufmerksam.
Der österreichische Schriftsteller Hugo Bettauer war es. Schon1922 erschien sein Buch
„Die Stadt ohne Juden – ein Roman von übermorgen.“
Ja, noch ein Roman – aber es lohnt sich ihn zu kennen. Bettauer erzählt so satirisch wie prophetisch, wie ein antisemitischer österreichischer Kanzler sich zum Ziel gesetzt hat, Wien judenfrei zu machen. Er sei auf die Idee gekommen, hat Bettauer damals erzählt, weil er in einer öffentlichen Toilette „Juden raus“ gelesen und gedacht hatte, genau das einmal durchspielen zu wollen.
Alle Juden raus heisst also die Parole, denn die Juden, so der Kanzler, seien dem treuherzigen Bergvolk überlegen und hätten die arische Bevölkerung überwältigt und beherrschten sie. Alle Juden raus.
Aber dann läuft es doch nicht so wie gehofft. Es sind sehr viel mehr der angeblichen Christen „vom Judentum durchtränkt“ und müssen auch ausgewiesen werden.
Die übriggebliebenen Österreicher sind zu blöd, die Geschäfte, die Banken, die großen Konzerne zu übernehmen, da haben dann Engländer, Franzosen, Italiener schnell zugegriffen. Es gibt Arbeitslosigkeit, Bankrotte. Auch die Operettenhäuser gehen pleite. Es gibt keine guten Läden mehr, keine Eleganz, die Mode ist Tracht und Loden und sonst nix. Wien verdorft. Missmut greift um sich. Allgemeine Verelendung droht. Bis ein eleganter Herr aus dem Ausland, ein Jude incognito, zurückkehrt, sich alles dreht, und der Roman mit den Worten endet:
„Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten begann: »Mein lieber Jude!“
Ein verteufelt bitterkomischer Roman, der in seiner Prophetie weit hinter dem zurückblieb, was dann wirklich geschehen sollte.
Und doch wurde Bettauer – er war gerade mal 52 Jahre alt – 1925 für diesen Roman mit fünf Schüssen von einem sehr frühen Mitglied der NSDAP ermordet.
2026 ist nicht 1925.
Aber die FPÖ wirbt für sich mit Werbesprüchen wie:
Heimatliebe statt Marokkaner Diebe
oder
Mehr Mut für unser Wiener Blut
Zu viel Fremdes tut niemandem gut
Response-ability – zero, null.
Und der als gesichert rechtsextrem eingestufte Landesverband der AfD Sachsen Anhalt will kein „Staatsgeld ausgeben für antideutsche Kunst und Kultur.“ Sondern für Kunst, die einen Beitrag zu „deutscher Identitätsfindung“ leistet.
Unser Kultur Staatsminister Weimer bezeichnete seinen Kulturetat im letzten Jahr als „Bekenntnis zur inneren Größe unserer Kulturnation, unserer Herkunft.“
Be aware.
Vor einigen Jahren hat mein Enkel mich gefragt, was ich meinem früheren Ich gerne sagen würde. Und ich habe ohne zu zögern geantwortet: Aufwachen. Aufwachen für sich, für die Welt, für sich in der Welt. Für die eigenen Gefühle, die eigenen Bedürfnisse, die Mängel und die Fülle in sich. Und die Möglichkeit, etwas zu tun, was vielleicht, hoffentlich, Sinn macht und Freude. Seinen Platz zu finden in der Welt, einen Sinn zu finden in sich. Alles sehen – nicht nur, was erschreckt und Ingrimm weckt, sondern auch alle gloriose Schönheit, Fantasie, Hilfsbereitschaft, Zuwendung und all den klugen Erfindungsreichtum, der uns umgibt.
Wie man als Großmutter halt so spricht zum Enkel. Und nicht nur leise denkt, sondern es dann auch laut sagt, wie oft man selber gefehlt hat und immer wieder versagt.
Vor über 30 Jahren, im Jahre 1992, habe ich genau hier schon einmal gestanden, (damals habe ich noch gestanden) weil ich die Laudatio auf die Geschwister Scholl Preisträger Barbara Distel und Wolfgang Benz halten durfte. Ich habe die Rede kürzlich noch mal gelesen und festgestellt: Teile könnte ich heute wieder so halten. Über die Gefahr von rechts, über die Gefährdung unserer Demokratie, über die „es nützt ja doch nichts“ Engagementverweigerer, über den Gratismut als Privileg der Demokratie. Zivilcourage sei nicht nur das Gegenteil von Feigheit, sondern auch das Gegenteil von Lethargie und Schweigen, sagte ich, undsoweiter
Wie deprimierend!
Alles haben wir damals schon gewusst, alles damals schon gesagt. Und offenbar wenig verstanden.
Nach einer aktuellen Umfrage (19.5.26) würden heute Rechtsextremisten 27,3 Prozent der Stimmen bekommen und damit stärkste Partei werden.
Und in Buchenwald gibt es immer wieder grölende junge Menschen, die sich grinsend am Ort des Mordens fotografieren lassen, um die Bilder zu posten.
Wie konnte es dazu kommen.
Was haben wir übersehen, was nicht wahrgenommen.
Sind wir zu sehr in der Theorie geblieben und haben zu wenig hineingeschaut in die Lebenswirklichkeit dieser Menschen, die jetzt abdriften oder schon abgedriftet sind. Haben wir eine Sehnsucht nach Geborgenheit übersehen, die jetzt so viele finden im schon genannten Hexenhaus der angeblichen Gewißheit. Menschen, die Heimat finden im Haus der Nation statt im Haus der Demokratie. Warum ist Demokratie nicht Heimat geworden?
Wir haben unter anderem die strukturelle Ungleichheit nicht bekämpft, im Gegenteil, die Schere zwischen arm und reich, zwischen gebildet und ungebildet wird immer größer.
Wir haben uns gescheut, die Fäden vom Dort zum Hier zu erkennen, wie Asal Dardan sie so klarsichtig in ihrem Buch Traumaland aufdeckt.
Warum, das frage ich mich schon lange, hängt eigentlich nicht in jeder deutschen Schule, in jedem deutschen Amt, eine Landkarte Europas, auf der alle Lager -Schutzhaftlager, Konzentrationslager, Vernichtungslager, Sammellager eingezeichnet sind. Laut einer Studie des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, aus dem Jahre 2013… beläuft sich die Gesamtzahl aller derartiger Einrichtungen, von den ersten „Schutzhaftlagern“ des Jahres 1933 bis zum größten Ghetto, demjenigen von Warschau, und einschließlich aller Konzentrationslager, auf 42 500.
Stellen Sie sich 42.500 Fähnchen auf einer Landkarte Europas vor.
Und heute mehr als 27% für eine rechtsextreme Partei -in diesem Land.
Was haben wir übersehen?
Ich glaube, dass Menschen meiner Generation sich einfach nicht vorstellen konnten, dass in diesem Land, ausgerechnet in diesem Land, faschistisches Gedankengut noch einmal Einzug halten könnte in die Köpfe so vieler. Das schien einfach undenkbar.
Und nun? Aufgeben? Resignieren? „Es nützt ja doch nichts“ kleinlaut auch selber sagen? Oder entscheiden: Was tun – nun erst recht.
Denn es gibt immer wieder ein Morgen,
immer wieder ein Anfangen,
immer wieder ein Versuchen,
immer wieder ein Wollen,
immer wieder ein Hinschauen.
immer wieder ein Handeln,
Be aware.
Vor einer Weile hat Carolin Emcke mich aufmerksam gemacht auf das FotoBuch The J Street Project der amerikanischen Künstlerin Susan Hiller.
Eine Arbeit, die begann, als Hiller 2002 in Berlin eine „Jüdenstrasse“ entdeckte, und sich erschreckt und verwirrt, ja geschockt fragte, was es bedeute, hier Strassennamen zu haben, die von Menschen sprechen, die man ausgerottet hatte.
Hiller reiste von 2002 bis 2005 durch deutsche Städte, Gemeinden und Dörfer, von Aachen oder Arolsen bis Zeitz oder Zerbst und hat Strassenschilder fotografiert. Judenberg, Judengasse, Im Judenbad, Am Judenteich, Am Judenpfad, Judenhain, Judentor, Am Jüdenhügel, Judenallee, Juifenstrasse -hier in München – um nur einige zu nennen. 303 Bilder sind in dem Band zusammengestellt.
„Sie sind sichtbar und niemand sieht sie“, hat Susan Hiller in einem Interview gesagt, sie habe einer Abwesenheit gedenken, habe meditieren wollen über eine Leere.
Be aware
Die hell denkende und klarsichtig formulierende amerikanische Historikerin Heather Cox Richardson, die fast jeden Tag die gegenwärtige amerikanische Politik zu einem Bild ordnet, einem Schreckensbild, sucht – wie wir alle – nach Wegen aus der Heimsuchung.
Kürzlich hat sie einen Mönch zitiert, der gesagt habe:
Each and everyone of us has to pick up a torch
and carry it through life.
Kennen Sie Ihre Fackel? Ihre eigene Fackel. Mit der Sie ein bisschen Licht ins Dunkel bringen könnten? Die Sie bis heute getragen haben oder ab heute tragen werden?
Pick up your torch.
Statt in Lethargie und Hoffnungslosigkeit zu versinken, sich zu verkriechen in die finstere Kammer der Verzweiflung oder in den grellen Schein des Eskapismus.
Es gehört zur response-ability zu versuchen, das allumfassende Gleichgewicht des Universums wiederherzustellen. Damit die kosmische Waage nicht nur Unheil und Unglück wiegt, sondern sich in der zweiten Waagschale auch Freude, Heiterkeit und Lebensmut häufeln. Hoffnung und Handeln. Zuversicht und Zuwendung.
Pick up your torch and carry it through life.
Erika Mann hat es getan – und jetzt sind wir dran.
Fotograf Gandalf Hammerbacher